Definition, Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Landsorten
Eine neue Definition von Landsorten
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Als "Landsorte" ist jede Population einer Nutzpflanzen-Art zu bezeichnen, die zu mindestens 80% aus genetisch einzigartigen Individuen besteht, die sich geschlechtlich fortpflanzen und sich ungelenkt untereinander oder mit anderen Individuen der selben Art befruchten können.
Landsorten unterliegen hauptsächlich der Natürlichen Selektion. Die menschliche Einflussnahme ist begrenzt und beschränkt sich zumeist darauf, unerwünschte Exemplare von der Vermehrung auszuschließen.
Die hohe Individuen-Vielfalt von Landsorten macht ihre Populationen extrem anpassungsfähig; frühere Landsorten waren deshalb gut an die lokalen Bedingungen angepasst, unter denen sie angebaut wurden.
Der Gegensatz zu einer Landsorte ist eine Zuchtsorte.
Zuchtsorten sind gezielt und bewusst von Menschen (durch Künstliche Auslese und Inzucht) erzeugte Populationen einer Nutzpflanzen-Art, die zu höchstens 10% aus genetisch (leicht) unterschiedlichen Individuen bestehen, die sich strikt nur untereinander bzw. selbst befruchten dürfen (samenfeste Sorten) oder vegetativ vermehrt (geklont) werden.
Zumeist wird bei Zuchtsorten eine 100%ige äußerliche (und somit auch genetische) Einheitlichkeit aller Individuen angestrebt (Linien-Sorten, F1-Hybride).
Aufgrund ihrer geringen Individuen-Vielfalt sind Zuchtsorten wenig bis garnicht anpassungsfähig und somit der Gefahr des Aussterbens ausgesetzt.
Die so genannten, samenfesten "Alten Sorten", die heute besonders im Fokus stehen und die Erhaltung von Nutzpflanzen-Vielfalt gewährleisten sollen, zählen ausschließlich zu den Zuchtsorten, also zu den "Killern" der Landsorten.
Bisherige Definitionen und ihre Kritik
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Die obige, von mir erstellte Definition unterscheidet sich deutlich von den zur Zeit herrschenden Definitionen einer Landsorte.
In wissenschaftlichen Kreisen ist sogar die Meinung verbreitet, dass es keine eindeutige Definition von Landsorten geben kann („Weil Landsorten eine komplexe und undefinierbare Natur besitzen, kann es keine allumfassende Definition für sie geben“ (aus „Landraces: A review of definitions and classifications“ von Anton C. Zeven, 1998).Damit der Sinn dieser Webseite nicht in sein Gegenteil verkehrt wird, vermeide ich es hier, eine ausführliche Auswahl an Landsorten-Definitionen anderer anzuführen; denn Suchmaschinen garnieren ihre Suchergebnisse besonders gern mit extrahierten Schnipseln, die bekannte und verbreitete Ansichten enthalten. Jemand, der etwas über Landsorten sucht, bekommt dann nicht meine, obige Definition angezeigt, sondern eine altbekannte, die ich hier zwar zitiere, aber eindeutig infrage stelle.
Aus diesem Grunde verweise ich zu diesem Zweck auf ein PDF, in dem ich eine Anzahl an Landsorten-Definitionen zusammengestellt habe und zitiere im folgenden nur drei Definitionen, die aber alle gängigen Merkmale enthalten.
"Als Landsorten wird ein genetisch uneinheitlicher Formenkreis einer Kulturpflanzenart bezeichnet, der sich in der Regel aus mehreren morphologisch oder physiologisch voneinander abweichenden Typen zusammensetzt.
Landsorten sind im Gegensatz zu Hochleistungssorten meist weniger ertragreich. Sie sind durch langandauernde, natürliche Selektion in einem bestimmten, meist eng umrissenen Gebiet entstanden und aus diesem Grund an die ökologischen Bedingungen in diesem sehr gut angepasst. Außerdem sind sie relativ ertragssicher, da sie durch die große Streuung ihrer genetischen Eigenschaften auf Standortsschwankungen (unter anderem Witterung) sehr flexibel reagieren."Wikipedia: Landsorte
"I suggest the following: an autochthonous landrace is a variety with a high capacity to tolerate biotic and abiotic stress, resulting in a high yield stability and an intermediate yield level under a low input agricultural system."
Anton C. Zeven: Landraces: A review of definitions and classifications
"The working definition proposed is as follows: ‘a landrace is a dynamic population(s) of a cultivated plant that has historical origin, distinct identity and lacks formal crop improvement, as well as often being genetically diverse, locally adapted and associated with traditional farming systems’"
Tania Carolina Camacho Villa, Nigel Maxted, Maria Scholten und Brian Ford-Lloyd: Defining and identifying crop landraces
1. Kritikpunkt: Individuen-Vielfalt wird übersehen
Der fundamentale Mangel all dieser Definitionen ist, dass sie das zentrale, wesentliche Merkmal einer Landsorte nicht als solches berücksichtigen: Dass Landsorten aus genetisch unterschiedlichen Individuen bestanden (wie Sprach- und Dialektgruppen von Menschen).
Es wird zwar häufig bemerkt, dass Landsorten-Populationen nicht aus einheitlichen Individuen zusammengesetzt waren ("ein genetisch uneinheitlicher Formenkreis einer Kulturpflanzenart […], der sich in der Regel aus mehreren morphologisch oder physiologisch voneinander abweichenden Typen zusammensetzt"; "often being genetically diverse"; "ein genetisch uneinheitliches […] Gemisch von Sorten einer Kulturpflanze" (Spektrum der Wissenschaft)), aber es wird nur als ein Merkmal unter vielen aufgezählt und selten auf die Individuen bezogen (es wird von "morphologisch oder physiologisch voneinander abweichenden Typen" oder gar von "Sorten einer Kulturpflanze" gesprochen, aus denen eine Landsorte bestanden haben soll).
2. Kritikpunkt: Geschichte, Anbausystem und bäuerliche Sä-Leute sind nicht relevant
Außerdem soll eine Landsorte in der Regel eine Geschichte haben, mit einem traditionellen Anbausystem und einer bestimmten Menschengruppe verbunden sein.
Das ist zwar richtig, weil es den Tatsachen entspricht; aber diese Fakten sind keine zwingend notwendigen Merkmale, die eine Nutzpflanzen-Population zu einer Landsorte machen: Landsorten könnten auch heute noch existieren und mit modernen Methoden angebaut werden, wenn ihr Anbau nicht ab den 1930er Jahren gesetzlich verboten worden wäre, wenn Landsorten nicht vollständig von (Hochleistungs)Zuchtsorten verdrängt worden wären.
Demnach sind die genannten Punkte ohne Bedeutung für die Definition einer Landsorte.3. Kritikpunkt: Geringere Leistungsfähigkeit ist nicht bewiesen
Als weiteres Merkmal wird zumeist genannt, dass Landsorten weniger ertragreich sein sollen.
Diese Behauptung ist meines Wissens bis heute nicht wissenschaftlich geprüft worden. Ob eine frühere Landsorte unter heutigen Anbaumethoden (Bodenbearbeitung, Düngung, Pflanzenschutz) über einen längeren Zeitraum durchschnittlich geringere Erträge erbringen würde als der Durchschnitt der modernen Zuchtsorten, wage ich zu bezweifeln; denn auch heutige Zuchtsorten bringen nur unter optimalen Bedingungen Höchsterträge, die aber nicht jedes Jahr herrschen.Die Erträge von (Hochleistungs)Zuchtsorten sind aufgrund der Einheitlichkeit ihrer Individuen demnach schwankend (alle Individuen reagieren gleich), die von Landsorten sind wegen ihrer Individuen-Vielfalt gleichmäßiger (ein Teil der unterschiedlichen Individuen gedeiht immer).
4. Kritikpunkt: Lokale Angepasstheit beruht auf Individuen-Vielfalt
Besonders häufig wird darauf hingewiesen, dass sich eine Landsorte dadurch auszeichnen soll, an bestimmte, lokale Bedingungen ihrer Herkunftsregion angepasst zu sein.
Gerade der Hinweis auf dieses "Merkmal" zeigt, dass der Kern der Sache übersehen wird. Es sollte sich doch umgehend die Frage stellen: Warum waren diese Landsorten-Populationen angepasst? Worauf beruhte ihre Anpassungsfähigkeit?
Die Antwort müsste lauten: Auf der Vielfalt ihrer genetisch unterschiedlichen Individuen!Eine Population kann sich nur an geänderte, neue Bedingungen anpassen, wenn sie aus genetisch unterschiedlichen Individuen besteht: Einige (oder vielleicht nur sehr wenige) überleben, pflanzen sich fort und vermehren sich, der Rest stirbt (aus).
Auch eine "angepasste" Landsorte bleibt anpassungs-fähig, wie die Verbreitung unserer Kulturpflanzen-Arten von einigen Ursprungszentren aus über die ganze Welt eindeutig beweist: Sie wurden als Landsorten verbreitet, in winzigen Dosen – und haben sich trotz der dadurch bedingten Verarmung ihrer genetischen Vielfalt (Stichwort "Gendrift") an neue lokale Bedingungen anpassen können.
Geschichtliches zu "Landsorten"
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Landsorten existieren schon seit Beginn des menschlichen Pflanzenbaus vor ungefähr 12.000 Jahren. Das ist die wichtigste geschichtliche Tatsache, die bei jeder Diskussion über Landsorten bewusst sein sollte.
Als weitere Tatsache sollte bedacht werden, dass die meisten Menschen jahrtausendelang alles gesammelt, angebaut und gegessen haben, was ihnen das Überleben gesichert hat. Eine gezielte Auswahl des "Besten" ("Rosinen picken") wurde zu keiner Zeit von der Masse der Pflanzen bauenden Menschen vorgenommen. Dieses Verhalten führte zu der unüberschaubaren Individuen-Vielfalt der Landsorten, die dadurch Wildpflanzen-Populationen in dieser Hinsicht nicht unähnlich blieben, bis…
…bis ab ca. 1800 u. Z. eine gezielte Auswahl der ertragreichsten Pflanzen aus den vorhandenen Landsorten vorgenommen wurde, bis also die Künstliche Auslese der modernen Pflanzenzüchtung begann. "Pflanzenzüchtung" schuf die modernen Zuchtsorten und verringerte damit die Nutzpflanzen-Vielfalt entscheidend.Der Verlust an Landsorten (damals noch "Landrassen" genannt) und ihre Bedeutung wurde erstmalig 1890 auf dem Internationalen land- und forstwirthschaftlichen Congress zu Wien von Emanuel Ritter von Proskowetz jun. und Prof. Franz Schindler thematisiert. v. Proskowetz plädierte damals in seinem Vortrag "Welches Werthverhältnis besteht zwischen den Landrassen landwirthschaftlicher Culturpflanzen und den sogenannten Züchtungsrassen?" erstmalig dafür, die Landsorten genauer zu studieren und ihren Wert für bestimmte Gegenden im Vergleich zu damaligen Zuchtsorten ("Züchtungsrassen") festzustellen.
Zahlreiche Pflanzenzüchter und Genetiker haben im Verlaufe der folgenden 20 Jahre auf die Bedeutung der Landsorten für die Züchtung hingewiesen und sich für ihre Erhaltung zu diesem Zweck eingesetzt (unten findet sich eine Liste mit einigen entsprechenden Aufsätzen). Aber erst in der sozialistischen Sowjetunion konnte der Botaniker und Genetiker Nikolai Iwanowitsch Wawilow 1925 wenigstens eine staatliche Unterstützung für dieses Ziel erreichen, aber nur auf dem kostengünstigsten Niveau: der Einrichtung einer "Saatgutbank" (oft auch "Genbank" genannt). Diese heute weltweit größte Sammlung "genetischer Ressourcen" von Kulturpflanzen, das nach Wawilow benannte "Wawilow-Institut", befindet sich in St. Petersburg (ehemals Leningrad).
In den folgenden Jahren wurden in vielen industrialisierten Ländern, in denen der Anbau von Landsorten stetig zurückging, ähnliche Einrichtungen (Saatgutbibliotheken, Seed banks) gegründet.In diesen Saatgut-Sammlungen werden bis zu 100 Pflanzen einer Landsorten-Sammelprobe in unregelmäßigen Abständen (je nach Lagerfähigkeit des Saatguts kann der Abstand 50 Jahre betragen) angebaut und ihre Samen bei -18° Grad Celsius gelagert.
Das ist alles, was von den ehemals lebenden Landsorten heute übrig geblieben ist: Tiefgefrorenes „Gen-Material“, versinnbildlicht durch die internationale Saatgut-Sicherungsreserve im „Saatgut-Bunker“ auf Svalbard (Spitzbergen).
Landsorten sind Geschichte, wenn sie nicht wieder zum Leben erweckt werden – was jederzeit möglich ist, solange wir noch Kulturpflanzen besitzen…
Die Zukunft von Landsorten
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Wenn sich der starre Blick auf die Vergangenheit einmal gelöst hat und das Wesentliche der früheren (ausgestorbenen) Landsorten erkannt wird, können wieder Landsorten entstehen, indem genau das getan wird, was die pflanzenbauende Menschheit tausende von Jahren getan hat: Nutzpflanzen anzubauen, ohne sie gezielt extrem zu vereinheitlichen, indem (im Extremfall) nur die "beste" Pflanze weitervermehrt wird.
Je mehr unterschiedliche Pflanzen sich ungehindert mischen und Saatgut produzieren dürfen, desto größer wird die Individuen-Vielfalt (die genetische Vielfalt der Individuen) einer Nutzpflanzen-Population. Um die frühere Nutzpflanzen-Vielfalt der Landsorten wiederherzustellen, gilt es, von der Fixierung auf die Einheitlichkeit der Individuen loszukommen. Die Begriffe "sortenrein" und "samenfest" sind in diesem Zusammenhang kontraproduktiv; denn sie treffen nur auf Zuchtsorten zu. Zuchtsorten sind aber, wie oben aufgezeigt, die "Gegenspieler" der Landsorten; Zuchtsorten haben die Landsorten verdrängt.
In Zukunft sollte es demnach zwei Zielrichtungen beim Nutzpflanzenbau geben:
- Eine konventionelle (nachhaltige) Landwirtschaft, die hauptsächlich (einschränkend verweise ich auf Kritikpunkt 3 der obigen Definitionen) Zuchtsorten verwendet und auf den maximalen Ertrag ausgerichtet ist.
- Pflanzen anbauende Einzelmenschen und Gemeinschaften, die Landsorten verwenden und deren Ziel es ist, eine maximale Individuen-Vielfalt unserer Nutzpflanzen (wiederherzustellen) zu erhalten.
Einen leichten Einstieg in die Vermehrung der Nutzpflanzen-Vielfalt erhält jede:r Gärtner:in mit dem Buch "Gärtnern mit Landsorten".
Bilder von neuen Landsorten, auch Proto-Landsorten oder Grexe genannt
Literatur zu bzw. über Landsorten
Joseph Lofthouse, Jürgen Müller-Lütken, Peter Ekl: Gärtnern mit Landsorten; Father of Peace Ministry, Paradise (Utah, USA), 2025
Emanuel Ritter von Proskowetz jun., Franz Schindler: Welches Werthverhältnis besteht zwischen den Landrassen landwirthschaftlicher Culturpflanzen und den sogenannten Züchtungsrassen?, Internationaler land- und forstwirthschaftlicher Congress zu Wien 1890, Section I: Landwirthschaft, Subsection: Pflanzenbau. Frage 5, 1890
Hugo de Vries: Die Entdeckung der elementaren Arten landwirtschaftlicher Pflanzen durch Hjalmar Nilsson (in moderner Schrift); Pflanzenzüchtung, Abschnitt II, Verlagsbuchhandlung Paul Parey, Berlin, 1908
Carl Fruhwirth: Über die Vielförmigkeit der Landsorten; Monatshefte für Landwirtschaft, III. Jahrgang, 2. Heft, 1910
Erwin Baur: Die Bedeutung der primitiven Kulturrassen und der wilden Verwandten unserer Kulturpflanzen für die Pflanzenzüchtung (in moderner Schrift); Jahrbuch der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), Band 29, 1914